Die goldenen Jahre, der Megatest - oder die Zeit der geilen Oldschool Jams `94 bis `96
Die Zeit von 1993 bis Ende 1996 war die Zeit, in der sich klare Konturen, Zielrichtungen und Aktionsformen der ReinfunkAnationbewegung abzeichneten und sich eine kontinuierliche Kerngruppe herausbildete. Jetzt erst erschloss sich für alle Beteiligten die gesellschaftlichen Dimensionen und immensen jugendpolitischen und kulturellen Möglichkeiten. Es wuchs das zusammen, was noch heute von höchster Jugendpolitischer und kommerzieller Bedeutung sowohl für Kommunen, Markt, Medien und Jugendkultur ist.
Anfang 1994 wurde, von der Punkrock-Gemeinde noch sehr belächelt, die wöchentliche HipHop- und FunkKneipe im AJZ ins Leben gerufen. Den ersten noch zusammengeschnipselten Fleyer zierte neben einem Foto des im Bau befindlichen von der RAF in die Luft gesprengten Hochsicherheitsgefängnisses Weiterstadt die Überschrift "HipHop übernimmt das Haus". In den folgenden fünf Jahren wird diese Kneipe zu einem prägenden Bestandteil im Haus. Das erste P-Funkkonzert mit der Lübecker Formation Gizzmolotion im AJZ begeistert. Zur selben Zeit wird sich an zwei HipHop-Konzerten fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Absolute Beginner und Anarchist Academy im Brakweder Jugendzentrum Stricker beteiligt. Angeregt von dem International besetzten und besuchten HipHop-Jam"funky fresh" in Dortmund rekrutiert sich aus dem Umfeld der damals in Bielefeld besetzten Häuser wie der Stapi Mitte `94 die Veranstaltungsgruppe für den ersten richtigen HipHop-Jam in Ostwestfalen-Lippe mit Graffiti, Breakdance, Dj-ing und Rap. Der schwarze Tage Roskopeuia HipHop-Jam ist heute im AJZ noch optisch als" Mega-Test und OWL-Jam`94" in den nur durch klettern oder Abseilen erreichbaren Stellen im Innenhof wahrnehmbar. Die Veranstaltung intigrierte sich in das anarchistische Kunst-, Politik- und Kulturwochenende"schwarze Tage". Zum ersten Mal kamen alle HipHop-Kunst und ­Kulturinfizierte der Region, unterstützt von Aktiven aus anderen Städten wie Hannover und Hamburg zusammen. Das Gemeinschaftsgefühl etwas völlig neues fast schon revolutionäres zu kreieren und die Dynamik der Veranstaltung war so intensiv, dass sich alles Folgende daran messen musste und der Großteil der damals Beteiligten heute fast zehn Jahre später noch aktiv ist. Es wurden New Yorker Kinofilme zum Thema gezeigt und zum ersten Mal zogen Breakdancer und HipHop-Graffitisprüher in das AJZ ein. Auf der Musikbühne präsentierten sich Absolute Beginner mit der HC-Formation Caligari, Saprize, Spax und Topz (U-Men), Tobi und das Bo und die Murdaz. Einer der Ersten, der die Inneneinrichtung des AJZ`s mit Edding und den Namenskürzeln von sich und seiner Gruppe bleibend umgestaltete, war Jan Eißfeld. Heute bekannt als Abees oder Jan Delay. Allen war klar, nach diesem Wochenende würde nichts so bleiben wie es war.

Im selben Sommer bildete sich aus HipHop, Kunst und Designinterressierten die RFN- Malergruppe. Man traf sich anfangs regelmäßig mit 10-12 Personen in den Ruinen des alten Schidescher Freibades. Verbrachte dort seine Freizeit und beschäftigte sich mit der Neugestaltung der alten Gemäuer und der stillgelegten Schwimmbecken. Es war eine schöne Zeit Abseits von Trudel und Öffentlichkeit. Aus jenen Sessions stammte auch der Ausruf: " Das Becken brennt," nachdem Jemand versuchte ein kleines Grillfeuer in eines der Becken zu entfachen und nicht bedachte, dass die alte Beckengrundierung leicht entzündbar war. Man reagierte jedoch schnell und es entstand kein wirklicher Schaden an den Kunstwerken. Nachdem das Freibad von der Stadt abgerissen worden war, suchte man sich neue Betätigungsfelder und man organisierte als Gruppe die Außengestaltung mehrerer Plätze und Zentren wie das Haus der Jugend Bad Oyenhausen, das AJZ-Bielefeld, das Fla Fla/Spunk-Herford, die alte Pauline Detmold oder dem Ostbahnhof Bielefeld. Über sechs Ausgaben brachte man auch das HipHop-Graffitifanzine "the Message" heraus.
Währenddessen forcierte die ReinfunkAnation den Veranstaltungsbetrieb im AJZ.
Neben der wöchentlichen HipHop-Kneipe, die am Abend manchmal mehr als hundert Gäste begrüßte und ein Teil deren jugendlicher Klientel wahrscheinlich nicht ganz unschuldig an der nächtlichen Umgestaltung der Stadt zu dieser Zeit war, organisierte man fleißig weiter Funk, Drum a` Bass und HipHop-Parties, Konzerte und Jams. Gruppen, die ihre künstlerische Karriere auch im AJZ begannen, waren unter anderem: FAB (Ferris,Flowin Immo), Direct Action (Digger Dance), NoNonsence (Sammy Deluxe), Asiatic Warriaz (Azad, D-Flame), 08/15 (Mr Schnabel, No Remorze (Dj Stylewarz), Too Strong, Main Concept, Raid, Filojoes, RAG, Fanal, Rasputin u. v. m. Damals beteiligten sich organisatorisch mehr als 60 bis 70 Personen an der Umsetzung der verschiedenen Aktionsformen der ReinfunkAnation und der subkulturelle Habitus der Stadt und der Region wandelten sich grundlegend. Weiterhin beteiligte man sich aber auch weiter an politischen Initiativen und Demonstrationen.
Fast lächerlich erscheint heute der lange Kampf im Punkrock-Haus , um die unerlässlichen professionellen HipHop-Mixing Plattenspieler für Veranstaltungen und die HipHop-Kneipe. Nach fast zweijährigem Hin und Her einigte man sich mit dem Haus auf einen Kredit, den man selber über regelmäßige Spenden aus dem Umfeld und Publikum wieder abbezahlte. Damals war die HipHop-Kneipe die erste Kneipe in Bielefeld, die sogenannte" open Turntables " und Dj-Abende anbot. Heute gehört dies zum festen Bestandteil des städtischen Abend- und Nachtlebens.
Höhepunkt und zugleich Endpunkt der Oldschool-Jamzeit war zweifelsohne der zweite Roskopeuia HipHop-Jam. Diese Veranstaltung hätten die RFN-Aktivistinnen gerne wieder in die Schwarzen Tage und somit in ein politisches Umfeld eingebettet. Doch die Schwarzen Tage-Veranstalter lehnten dies ab. Wahrscheinlich war ihnen unter anderem der Windschatten der mittlerweile starken Bewegung zu groß geworden und sie befürchteten wohl bei einer Kooperation in diesem Schatten ein wenig unterzugehen. Nicht zu unrecht, wie sich herausstellte. Denn das Roskopeuia HipHop-Wochenende an drei Tagen erreichte für das AJZ Übergröße. Über 1200 Personen aus mehr als 30 Städten beteiligten sich an den Aktionen im und um das AJZ und unterstrichen die Bedeutung des Hauses für die bundesweite HipHop-Bewegung zu diesem Zeitpunkt. Neben einem Breakdancetreffen, entstanden dutzende von legalen Graffitis und an zwei Tagen wurde die Bühne von der Creme de la Creme der deutschsprachigen HipHop-Musikszene belagert. Selbst die sonst so berüchtigte und schon öfters für Veranstaltungsabbrüche verantwortliche, zahlreich erschienene Berliner Graffitiszene trat nicht negativ in Erscheinung.
Diese denkwürdige Veranstaltung verlief zeitgleich mit dem Beginn des kommerziellen Durchbruchs deutschsprachiger Rapmusik . Die Musik- und Kulturindustrie wurde nun aufmerksam auf die bis dahin belächelte und als adaptierend bezeichnete aber äußerst aktive und sich eigene Indipendentstrukturen erarbeitende Szene und entdeckte diese als neuen Markt. Zahllose Projekte wurden nun von der Plattenindustrie mit Verträgen und hohen Produktionsgagen ausgestattet, um so wirtschaftliche Kontrolle über die Kultur- Modetrends der Szene zu bekommen. Egal dass gerade Anfangs ein Großteil der künstlerische Output der gekauften Projekte grottenschlecht war. Die etablierte offene Jugendarbeit verhielt sich oft ähnlich.
Für viele Aktivistinnen, wie auch Teile von RFN eröffnete diese Entwicklung neue Möglichkeiten. Doch schnell bleiben dabei radikale kulturelle Grundideen und frisch geschaffene unabhängige Strukturen auf der Strecke. Wie schon in den USA der 80er Jahren setzt sich Medienpräsenz und Umsatzzahlen gegenüber der Verwurzelung in der Kultur und die damit einhergehende Qualität durch. Viele der Projekte, die sich nicht kaufen lassen oder wie Anarchist Academy sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen wollen, lösen sich auf oder verschwinden in der Bedeutungslosigkeit. Der Weg von Underground und Protestkultur zum Mainstream der Populärkultur war vorherbestimmt.
Das ganze nun eingeführte marktwirtschaftliche Denken hatte nur im Gegensatz zu anderen jugendkulturellen Strömungen bei der HipHop-Bewegung einen Haken, denn die Kombination der ästhetischen Elemente der HipHop-Kultur waren zu diesem Zeitpunkt schon so ausgeprägt, das es den Medien, Werbung und dem Markt nicht gelang sie konsumgerecht voneinander zu trennen. Wenn ich Rap fördere und in medial verbreite wird dies unweigerlich auch mit Graffiti geschehen. Während im Kommerzialisierungsprozess Initiativen, Gruppen und Cliquen auf der Strecke bleiben, kann dieser Prozess deutlich an der Ausbreitung illegaler Graffitis nachvollzogen werden. Steigende Absatzzahlen, mehr Markt bedeuten nun auch mehr Konkurrenz unter den Jugendlichen und damit die massive Verbreitung vollgeschmierter Wände, wenn die legalen Flächen, abgelegene Wände an Zuglinien und Autobahnen und künstlerische Qualität nicht mehr ausreichen, um sich in Szene zu setzen. Diese in der Öffentlichkeit oft als negatives Phänomen wahrgenommene Begleiterscheinungen sind bis heute ein Millionen verzehrendes Problem für Staatsanwaltschaft, Richter, Polizei, Jugendhilfe, Hausbesitzer und im Endeffekt für die Jugendlichen selber.
Zerkratzte Fensterscheiben gab es in Bielefeld Mitte der 90er Jahre, im Gegensatz zu einer zu über 50% im legalen Bereich stattfindenden kreativen Graffitikultur, noch nicht.